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Weichen für Corvey neu gestellt: Enttäuschung über Alleingang des Hauses Ratibor

Ab 1. Januar 2017 wird das Haus Ratibor den Kulturkreis Höxter-Corvey auf eigenen Wunsch als einziger Gesellschafter weiterführen. Damit liegt die Verantwortung für den Betrieb des Museums und das Kulturprogramm erstmals voll und ganz beim Hausherrn von Schloss Corvey.

Der Kreis und die Stadt Höxter haben sich über Jahrzehnte - auch mit großem finanziellen Engagement - für Corvey als kulturelles Zentrum und für die Einschreibung des karolingischen Westwerks und der Civitas Corvey in die Welterbeliste der UNESCO eingesetzt. An der durch  öffentliche Mittel finanzierten Antragstellung haben sich der Kreis und die Stadt Höxter mit einer halben Million Euro beteiligt. Die Einrichtung des Museums, das die Familie Ratibor künftig allein betreiben wird, wurde mit fast 4,8 Millionen Euro (davon 3,5 Millionen Euro vom Land NRW) gefördert. Kreis und Stadt haben für die Kulturarbeit in Corvey jährlich rund 300.000 Euro aufgewendet. Hinzu kommen Fördermittel von EU, Bund, Land, LWL und Kulturstiftung NRW in Millionenhöhe. Auch haben die beiden kommunalen Gesellschafter mehrere Tourismus-Projekte auf den Weg gebracht, die im Kulturkreis unter der Geschäftsführung von Dr. Konrad sehr erfolgreich umgesetzt wurden.

„Diese enormen Fördersummen der öffentlichen Hand waren auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet: zunächst auf die Etablierung Corveys als Kulturzentrum von überregionalem Rang und später auf die Anerkennung als Welterbestätte. Beide Ziele haben wir erreicht“, betont Landrat Friedhelm Spieker.

Doch je näher die Anerkennung als Welterbe rückte, desto deutlicher reklamierte Viktor Prinz von Ratibor die „alleinige Verfügungsgewalt“ über sein Privateigentum. 2013 verwahrte er sich in einem Beitrag im Deutschen Adelsblatt gegen „neue Konstruktionen zur Verwaltung des Kulturerbes“, die „einer schleichenden Enteignung gleichkommen“. Weiter schreibt er: „Wir müssen jetzt zusehen, dass unsere Eigentumsrechte nicht auf kaltem Wege beschnitten werden; den Versuchen, uns aus dem Prozess herauszuhalten und dem Vorhaben UNESCO-Welterbe eine staatlich kontrollierte Struktur überzustülpen, werden wir aktiv und nachdrücklich begegnen.“ Gleichwohl gab er in demselben Beitrag der Hoffnung der Familie Ausdruck, dass das „Land auch eine Welterbestätte fördern wird, die fast vollständig in Privatbesitz ist.“

Dabei wurde im Managementplan - zusammen mit den Eigentümern - einvernehmlich eine Marschroute festgelegt. Er ist ein maßgeblicher Bestandteil des 2013 bei der UNESCO eingereichten Antrags und wurde gemeinsam mit den Eigentümern, der Kirchengemeinde und dem Haus Ratibor, von allen beteiligten Akteuren erarbeitet. Er stellt ein Planungs- und Handlungskonzept zur Entwicklung und Präsentation der Welterbestätte „Karolingisches Westwerk und Civitas Corvey“ dar, das umzusetzen ist. Zur Koordinierung der Aktivitäten empfiehlt der Plan eine neue Struktur.

Mit der Ernennung Corveys zum Weltkulturerbe im Juni 2014 wurde die jahrzehntelange kompetente Arbeit aller an der Antragstellung beteiligten Akteure gekrönt. Mit großer Euphorie sollte es nun darum gehen, die Weiterentwicklung der Weltkulturerbestätte im Sinne des Managementplans als elementarem Bestandteil des Antrags voranzutreiben und dafür neue Strukturen zu schaffen.

„Es ist uns nicht gelungen, mit dem Privateigentümer eine neue Organisationsform aufzubauen, um Corvey als Weltkulturerbestätte und kulturelles Zentrum in einvernehmlicher Weise weiterzuentwickeln und zu betreiben. Ein neues Gremium, das neben den Eigentümern, dem Herzöglichen Haus und der Kirchengemeinde, auch Förderer und zum Beispiel fachlich kompetente Akteure mit bauhistorischer und archäologischer Expertise eingebunden hätte, lehnte Viktor Prinz von Ratibor ab.

2015 bekundete das Haus Ratibor seine Pläne, nicht nur die Entwicklung und den Betrieb der Welterbestätte in Eigenregie vorantreiben zu wollen, sondern auch den Kultur- und Museumsbetrieb in Corvey allein fortsetzen zu wollen. Im selben Jahr gründete das Haus Ratibor eine neue gemeinnützige Gesellschaft, die den Betrieb der Welterbestätte mit Besucherzentrum in seinem Privatbesitz in alleiniger Regie sichern soll.

„Über dieses Vorgehen bin ich zutiefst enttäuscht“, sagt Landrat Friedhelm Spieker. „Die öffentliche Hand darf zahlen, aber nicht mitreden“, bringt er seinen Unmut auf den Punkt. Der Kulturkreis Höxter-Corvey wurde 1980 gegründet, um Corvey als kulturelles Zentrum im Oberweserraum zu fördern. Dazu gehören der Betrieb des Museums Höxter-Corvey, die Durchführung der „Corveyer Musikwochen“ und weiterer musikalischer Veranstaltungen sowie Ausstellungen in Corvey. Dieses Zielen bleibt das Haus Ratibor auch als alleiniger Gesellschafter verpflichtet. Für den Betrieb von Corvey als Welterbestätte war und ist der Kulturkreis organisatorisch nicht ausgelegt, eine Weiterentwicklung diesbezüglich lehnte das Haus Ratibor ab.

Beteiligt sind noch bis zum Jahresende der Kreis und die Stadt Höxter sowie das Haus Ratibor als Gesellschafter zu gleichen Teilen. Die auf Einstimmigkeit ausgelegte Struktur habe eine Zusammenarbeit in den letzten Jahren zunehmend erschwert. „Doch hatten Stadt und Kreis Höxter immer nur das gemeinsame Ziel vor Augen, dass Corvey mit seiner 1.200-jährigen Geschichte als Weltkulturerbe ausgezeichnet wird. Darüber sind wir auch sehr glücklich. Die Menschen in der Region identifizieren sich mit Corvey, dessen Geschichte so viel weiter zurückreicht als die Geschichte des Familienbesitzes“, sagt Landrat Friedhelm Spieker.Der Kreis Höxter wird sich im Rahmen seiner Möglichkeiten weiterhin für die Welterbestätte und das überregional bedeutsame kulturelle Zentrum Corvey zum Wohle der Region einsetzen.

Klar ist, dass Kreis und Stadt alle Ausstellungsstücke im kommunalen Eigentum – soweit vom Haus Ratibor überhaupt gewünscht - dem Museum im Schloss auch weiterhin kostenlos zur Verfügung stellen werden. „Wir haben auch wiederholt unsere Unterstützung angeboten, um das Kulturprogramm und die Corveyer Musikwochen im kommenden Jahr sicherzustellen“, so Spieker. Auch neue  Förderprojekte hätten Kreis und Stadt gern in Corvey angesiedelt, um die Welterbestätte touristisch weiterzuentwickeln und die kulturelle Strahlkraft weiter zu erhöhen.

Wichtig aus Sicht des Kreises Höxter ist:
•    Der Managementplan zur Entwicklung und Präsentation der Welterbestätte Corvey muss umgesetzt werden.
•    Es darf nicht nur die Bausubstanz Priorität haben. In Corvey muss entsprechend dem Managementplan ein Besucherzentrum mit modernster Museumsdidaktik zur Präsentation der Bedeutung der Welterbestätte geschaffen werden.
•    Corvey muss als kultureller Veranstaltungsort von überregionalem Rang für Kulturbegeisterte offen und lebendig bleiben
•    Der Museumsbetrieb muss fortgesetzt werden. Kreis und Stadt stellen Kunstwerke weiterhin als Dauerleihgaben kostenfrei zur Verfügung.
•    Die hochklassigen Corveyer Musikwochen sind eine überregional bekannte Kulturmarke der Region. Das Klassik-Festival muss fortgesetzt werden.
Stadt und Kreis haben ihre Unterstützung signalisiert.


„Für diese Ziele stehen wir Corvey immer gern unterstützend und beratend zur Seite.
Wir wünschen uns, dass sich Corvey erfolgreich weiterentwickelt – auch zum Wohle der Menschen in der Region“, so Landrat Spieker.

 


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