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Mehr als 200 Teilnehmer beim Fachtag des Kreises Höxter: Basislager statt Kuschelraum

„Babys sind von Natur aus motiviert zu üben. Deshalb benötigen sie eine sichere Umgebung, in der sie ihren Körper erproben können.“ Diplom-Pädagogin Angelika von der Beek machte beim internen Fachtag der kommunalen Kindertageseinrichtungen im Kreis Höxter in der Aula des Kreishauses deutlich, dass bei der Betreuung von Kindern unter drei Jahren das Konzept „Räum im Raum“ große Bedeutung besitze. Sie brachte es so auf den Punkt: „Basislager statt Kuschelraum“.

Ulrike Schmidt vom Kreis Höxter, Fachberaterin für die kommunalen Tageseinrichtungen für Kinder, hatte gleich doppelten Grund zur Freude: Zum einen war es ihr gelungen, die anerkannte Referentin aus Hamburg für den Fachtag über die Bedeutung der Raumgestaltung für die Bewegungsförderung von Kindern unter Drei zu gewinnen. Zum anderen war das Thema auf solch eine großartige Resonanz gestoßen, dass die Aula gleich an zwei Tagen hintereinander bis auf den letzten Platz gefüllt war. Alle städtischen Kitas nutzten das Angebot als Team-Veranstaltung, darüber hinaus nahmen Tagesmütter und -väter teil. Christian Rodemeyer, Leiter der Abteilung Kinder, Jugend und Familie, brachte bei seiner Begrüßung zum Ausdruck, dass mehr als 200 Teilnehmende die schönste Belohnung für den großen Organisationsaufwand darstelle.

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Freuten sich über eine voll besetzte Aula im Kreishaus in Höxter (von links): Christian Rodemeyer, Leiter der Abteilung Kinder, Jugend und Familie, Referentin Angelika von der Beek aus Hamburg und Ulrike Schmidt vom Kreis Höxter, Fachberaterin für die kommunalen Tageseinrichtungen für Kinder. Foto: Kreis Höxter

„Wenn Sie mit dem Wort Basislager die Vorstellung verbinden, dass es von dort den Berg hinauf geht, dann ist diese Assoziation ganz in meinem Sinne“, erläuterte Angelika von der Beek. „Ich bin der Auffassung, dass wir uns die Räume für Kinder unter drei Jahren ganz anders vorstellen müssen als sie üblicherweise sind.“ Die Andersartigkeit entstehe dadurch, dass die Räume der „Körperlichkeit“ der Kinder gerecht werden sollten – während der wachen Phasen ebenso wie beim Schlafen, beim Essen genauso wie beim Spielen. „Alles ist gleichermaßen für die körperliche und geistige Entwicklung kleiner Kinder von Bedeutung. Für einige Aspekte stellen unsere Kultur und die bisherige Krippenpädagogik mehr oder weniger bewährte Lösungen zur Verfügung, für andere nicht“, so von der Beek. „Was bisher fast gänzlich fehlt, ist eine den spezifischen Entwicklungsbedürfnissen von Kindern unter drei Jahren entsprechende Ausstattung der Räume.“

„Sie brauchen Räume-im-Raum“
Kleine Kinder bräuchten eine ihnen zugewandte Erzieherin und einen vertrauten Ort, welcher die sichere Basis bildet, von der aus sie die Umgebung erkunden. Selbst sehr junge Kinder benötigten jedoch nicht nur immer wieder dasselbe. „Sie brauchen Räume-im-Raum für unterschiedliche Entwicklungsphasen, Interessen und Bedürfnisse“, sagte von der Beek. „Wir können uns darauf verlassen, dass Babys von Natur aus motiviert sind zu üben. Die Säuglingsforschung hat nur bestätigt, was jeder beobachten kann, der mit kleinen Kindern zu tun hat. Aufgabe der Krippe ist es daher, den Kindern eine sichere Umgebung bereit zu stellen, in der sie ihren Körper erproben können.“

Das höre sich wiederum leichter an als es sei. Denn die Erzieherinnen müssten zum einen die richtige Balance zwischen Sicherheit und Herausforderung finden, zum anderen solche Bedingungen schaffen, dass jedes Kind die Gelegenheit zum Üben zum richtigen Zeitpunkt ergreifen könne. Dabei sei das Wissen über Entwicklungsabfolgen, „Zeitfenster“ und entwicklungsspezifische Bedürfnisse natürlich sehr hilfreich. Aber es müsse erst noch „übersetzt“ werden in das Arrangement von Räumen und Materialien. „Hier konnten Erzieherinnen lange Zeit nicht auf eine eigenständige Krippenpädagogik zurückgreifen, sondern nur auf eine Mischung zwischen verkleinerter Kindergartenpädagogik, medizinisch begründeten Hygienevorstellungen und einem schier uferlosen Angebot der Spielzeugindustrie“, erläuterte die Referentin.

Bewegungsgelegenheiten einbauen
Im Zentrum der Überlegungen sollte die konsequente Umwandlung eines Sitz-Gruppenraumes in einen Bewegungs-Gruppenraum stehen. Wenn es nur einen Raum gebe, seien die Umgestaltungsmöglichkeiten umso besser, je höher der Raum sei, aber auch in einen Raum, der die übliche Deckenhöhe habe, ließen sich Bewegungsgelegenheiten einbauen. „Diese Spiel-Podest-Landschaften sind deshalb sinnvoll, weil sie den Kindern die Möglichkeit geben, sich jederzeit körperlich zu betätigen und nicht auf die Angebote der Erzieherinnen warten zu müssen“, warb von der Beek für diese Methodik.

Möglichkeiten zum Hochziehen, Entlanghangeln, Durchkrabbeln, Hochklettern und Runterspringen, Stufen hoch- und runtersteigen oder Rutschen auf einer schrägen Ebene gehörten zu den Betätigungen, die die Kinder lieben und denen sie sich hingeben, ohne motiviert werden zu müssen. Die Kinder würden sich jedoch nicht „nur“ bewegen, sondern sie spielten Rollen, sie kommunizierten untereinander und sie zögen sich zurück, wenn die räumlichen Möglichkeiten vorhanden seien.

„Neben festen Einbauten, die deswegen so wichtig sind, weil sie den Kindern die Wahl überlassen, wann, wie oft und wie lange sie sie nutzen, sollte es eine Vielzahl von beweglichen Materialien geben, die ebenfalls in erster Linie dem Bewegungsbedürfnis der Kinder Rechnung tragen, wie Kartons, Kisten, Bretter, Röhren, Schläuche oder Tücher“, erläuterte die Referentin und probierte die verschiedenen Materialien in Gruppenarbeiten mit den Teilnehmenden gleich aus. „Bewegungsbedürfnis heißt konkret: Kinder wollen ihre Körpersinne, ihren Muskelsinn, den Raum-Lagesinn und insbesondere ihren Gleichgewichtssinn im Spiel nutzen.“

Grundausstattung der Gruppenräume überdenken
Deshalb müssten die festen Einbauten kleinkindgerecht sein, also nicht zu hoch, aber auch nicht langweilig, sondern abwechslungsreich. „Ich plädiere sehr dafür, dass zur Grundausstattung eines Gruppenraumes für Kinder unter drei Jahren, eine Gelegenheit zum Schaukeln, Schwingen und Rotieren gehört. Das sollte keine raumgreifende Angelegenheit sein, kein Platz zum Toben, sondern ein Ort, an dem die Kinder ihren zentralen, nämlich den vestibulären Körpersinn betätigen können“, forderte von der Beek. Neben der Zone, in der eine Verbindung zwischen Bewegung, Rückzug und Rollenspiel stattfinde, bräuchten die Kinder einen Bereich, in dem sie gestalten können. Der sollte sich deutlich von den anderen Bereichen, möglichst auch vom Essbereich, unterscheiden. „Wenn es gar nicht anders geht, muss man die Tische, an denen gegessen wird, auch zum Malen nutzen.“

Sehr viel spontaner könnten sich die Kinder betätigen, wenn sie einen separaten Ort zum Gestalten haben, an dem sie „Spuren“ hinterlassen dürften. Das wissenschaftlich begründete Bild vom „Kind als Forscher“ in die Praxis umzusetzen, hieße vor allem nach Möglichkeiten zu suchen, die man den Kindern geben könne, um alle ihre Sinne zu betätigen. „Dies bedeutet neben einer kritischen Durchsicht der herkömmlichen Spiel- und Beschäftigungsangebote, vor allem den phantasievollen Einsatz von Materialien, die umfunktioniert werden können“, schlug die Referentin vor. Dies führe zu einer neuen Sicht auf die zentralen Themen für junge Kinder, nämlich Bewegung, Gestaltung und Spiel. „Gleichzeitig kann die pädagogische Bedeutung von Alltagssituationen, wie Essen, Schlafen und Körperpflege nicht hoch genug veranschlagt werden.“

Büchertisch von Diana Künne
Mittlerweile schon traditionell bei den Fortbildungsveranstaltungen des Kreises Höxter für pädagogische Fachkräfte, hatte Organisatorin Ulrike Schmidt erneut Diana Künne gewinnen können, um in den Pausen ihren Büchertisch zu präsentieren. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Literatur- und Materialangebot für die Bereiche Sprachtherapie, Kindergarten und Schule. In ihrer Ausstellung fanden die Teilnehmenden Bücher und Materialien, die ihre tägliche Arbeit in der Praxis, im Kindergarten und in der Schule erleichtern und abwechslungsreich gestalten. Bei der Zusammenstellung des Sortiments berücksichtigt Diana Künne gerne auch Verlage, die nicht überall präsent sind.


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